Erich Schellhaus
Heinrich Albertz

Groß war im Juni 1961 in Eschede die Überraschung, als Erich Schellhaus zum Minister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegssachgeschädigte im Kabinett der niedersächsischen Landesregierung in Hannover berufen wurde. Schellhaus war selber Flüchtling und wohnte seit dem 15. Oktober 1945 im Escheder Pfarrhaus. Sein ehemaliger Kriegskamerad Pastor Kleuker hatte ihm ein Zimmer unter seinem Dach abgetreten.

Schellhaus, der ab 1931 hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Fiddichow in Pommern und ab 1935 hauptamtlicher Bürgermeister des Preußischen Staatsbades Salzbrunn in Schlesien gewesen war, engagierte sich auch in seiner neuen Heimat politisch. Nach den Erinnerungen des früheren Escheder Samtgemeindebürgermeisters Heinrich Lange war er um 1950 im Escheder Gemeinderat. Auch in der Escheder Kirchengemeinde war er aktiv, saß im Kirchenvorstand und führte nach den Aufzeichnungen der ehemaligen Schulrektorin Hildegard Röhr als Kirchenvorsteher die Sammlung für die bunten Kirchenfenster mit durch.

Bei der Wahl zum 2. Niedersächischen Landtag am 6. Mai 1951 war im Wahlkreis 50 Celle-Land Schellhaus als Kandidat des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) dank der zahlreichen Flüchtlinge im Celler Land hinter Landrat und Bauer Friedrich Stolte aus Heeseloh (DP/CDU) mit knapp 1000 Stimmen Rückstand auf den zweiten Platz gekommen. Wenig später erfolgte die Berufung zum Minister. Am 1. Juli 1952 verließ Schellhaus sein bescheidenes Domizil im Escheder Pfarrhaus und zog mit seiner Frau Herta nach Hannover. Am 7. November 1952 wurde er als Nachrücker Mitglied des Niedersächsischen Landtags. Auch nach der Wahl zum 3. Niedersächsischen Landtag 1955 blieb Schellhaus Flüchtlingsminister - bis das Kabinett im November 1957 umgebildet wurde. Erneut bekleidete er diesen Posten von 1959 bis 1963.

Seit 1955 war Schellhaus Bundessprecher der Landsmannschaft Schlesien und seit 1958 Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen. Im April 1961 wurde ihm für sein Engagement das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Schellhaus starb 1983.

Es klingt unwahrscheinlich, aber schon der erste niedersächsische Flüchtlingsminister hatte einige Zeit im Escheder Pfarrhaus gewirkt: Heinrich Albertz. Im Januar 1915 in Breslau geboren, war der Theologensohn während seiner Ausbildung zum Pastor in der Nazizeit mehrfach mit den Herrschenden aneinander geraten. Nach Kriegsende von den Amerikanern kurze Zeit inhaftiert, kam er in den Celler Raum. Vom 20. Juni bis zum 5. August 1945 ging er im Escheder Pfarrhaus ein und aus. Er vertrat damals den in Kriegsgefangenschaft weilenden Escheder Pastor Kleuker. Albertz war von 1945 bis 1948 Flüchtlingspastor in Celle und Leiter des städtischen Flüchtlingsamtes. 1946 wurde er Leiter des Flüchtlingsbüros im Regierungsbezirk Lüneburg und trat im selben Jahr in die SPD ein. Überraschend gewann er bei der Landtagswahl 1947 den Celler Wahlkreis für seine Partei, 1948, nach der Umbildung des Kabinetts von Hinrich Wilhelm Kopf (SPD), wurde er Minister für Flüchtlingsangelegenheiten - mit 33 Jahren war er der jüngste deutsche Minister überhaupt. Ab 1950 war sein Ministerium zusätzlich für Vertriebene, Sozial- und Gesundheitsangelegenheiten zuständig. Nach der Wahl im Mai 1951 wurde Albertz Sozialminister, Schellhaus wurde sein Nachfolger als Flüchtlingsminister.

Albertz ging 1955 nach Berlin, wurde 1961 Innensenator und 1966/67 als Nachfolger von Willy Brandt Regierender Bürgermeister Berlins. Nach dem gewaltsamen Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei den Demonstrationen gegen den Schah-Besuch zog sich Albertz aus allen politischen Ämtern zurück und nahm später seine Tätigkeit als Pastor wieder auf. Im März 1975 begleitete er fünf mit der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz freigepresste Terroristen auf ihrem Flug nach Adem im Südjemen. Albertz starb im Mai 1993 in einem Altenwohnheim in Bremen-Horn.

So klein ist die Welt: Zu den Karrieren zweier Nachkriegspolitiker in Deutschland zählt auch die kurze Station im Escheder Pfarrhaus.

Joachim Gries