Viele haben in der Vergangenheit die Kurve nicht gekriegt. Sie waren ein bisschen schnell und ehe sie sich versahen, hingen sie mit ihrem Auto im Zaun oder fanden sich im Vorgarten der Famillie Kallmeyer in Eschede wieder. Sehr zu deren Leidwesen, denn es gab Zeiten, da musste alle paar Monate der Maschendraht neu gezogen und das Grün vor dem Haus neu gestaltet werden.

Rund 30 Mal hatten Polizei und Abschleppwagen anzurücken, um mehr oder minder deformierte Fahrzeuge wieder zu entfernen. Für die Familie ging es immer glimpflich aus, aber als in den 70er Jahren ein Tanklastzug die Umfriedung durchbrach und ein flotter BMW gar erst kurz vor dem Haus zum Stehen kam, war der Schreck doch groß. Sogar das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete damals von der unfallträchtigen Escheder Kurve im Zuge der Ortsdurchfahrt der Bundesstraße 191. Und auch ein paar Meter weiter in Richtung Ortskern machte die Familie Lutterloh hin und wieder die Erfahrung, dass Autos über den Fußweg vor dem Grundstück bretterten und den Zaun samt Pfeiler platt walzten.

Schuld an diesen Vorfällen war neben der unangepassten Fahrweise der Autolenker auch ein Oberförster. Eine kurze Zeitreise durch die Escheder Verkehrsgeschichte nennt die Einzelheiten:

Bis Ende des 18. Jahrhunderts lag Eschede im Windschatten der Verkehrsströme. Es gab nur einen Frachtweg über Garßen nach Celle, doch der war in einem erbärmlichen Zustand. Verkehrsknotenpunkt war damals das kleine Rebberlah an der uralten Heerstraße von Celle nach Lüneburg. Hier rollten die Frachtfahrer und die Postkutschen durch, hier wurden die Pferde gewechselt, hier erholten sich die Reisenden in drei Gastwirtschaften.

Ziel der "Wegeordnung für das Kurfürstentum Lüneburg" von 1797 war der Neubau von Chausseen und damit die Erschließung des Landes. Von Celle aus sollte der Verkehr über Eschede und Uelzen nach Lüneburg geführt werden. Von Eschede sollte die Straße nach Lohe ausgebaut werden und hier Anschluss an einen alten Postweg finden, der über Hösseringen nach Uelzen führte.

Schon 1795 war der Posthof von Schafstall nach Eschede umgezogen. 1796 hatte Posthalter Johann Heinrich Lichtenberg an der Uelzener Straße Postspedition und Postrelais eingerichtet. Vom Posthof aus sollte die neue Straße schnurgerade nach Lohe gehen. Doch mitten in dieser Trasse war kurz zuvor der Dienstgarten der Oberförsterei angelegt worden. Offenbar befürchtete die Regierung hohe Entschädigungszahlungen und wies die Celler Wegebauinspektion vorsorglich an, auf die schnurgerade Lösung zu verzichten. So kam es vor mehr als 200 Jahren zu den beiden scharfen Kurven in Eschede.

Immer wieder verließen Autos die
Uelzener Straße in der Kurve und landeten bei Familie Kallmeyer im Zaun, manchmal auch im Vorgarten.

 





Auch die Loher Bauern waren von den Plänen nicht begeistert. Sie hatten Angst vor fremdem Volk und todbringenden Seuchen und pflügten die Pflastersteine der halbfertigen Chaussee bei Nacht mehrfach um. Und sie hatten Glück bei ihrem Widerstand: Die Franzosenzeit begann und die Straße verfiel wieder. Erst 1830 besannen sich die Straßenbauer wieder auf das Projekt, fügten zwischen Eschede und Aschauteiche eine weitere Kurve ein und bauten die Strecke über Weyhausen bis Breitenhees aus.




Auch bei Familie Lutterloh an der Uelzener Straße wurde mitunter unkonventionell geparkt.


Spätere Versuche, mit einer Escheder Ortsumgehung auch die beiden Kurven zu entschärfen, blieben bisher erfolglos. Seit etwa 1930 ist das Projekt im Gespräch. In der Nähe der Habighorster Chaussee sollte die neue Trasse nach Osten abzweigen und parallel zur Aschau die Uelzener Straße erreichen. In den 70er Jahren wurde deshalb die Alps'sche Schmiede in der Albert-König-Straße an der Aschau abgerissen. Doch seither tut sich in Sachen Ortsumgehung nichts mehr. Die beiden Kurven wurden in den 90er Jahren im Zuge der Umgestaltung der Ortsdurchfahrt entschärft. Und tatsächlich sind die unschönen Verkehrs-Vorkommnisse in den Vorgärten selten geworden.

Joachim Gries