Worte

Worte von Bundespräsident Roman Herzog an die Bürger Eschedes am 21. Juni 1998

Ich stehe noch ganz unter dem Eindruck des bewegenden Traueraktes in der Stadtkirche von Celle. Sie haben ihn am Bildschirm mitverfolgt. Unsere Gedanken am heutigen Tag galten zunächst den Opfern. Ihre Zahl und ihr Schicksal haben uns tief erschüttert. Wir haben auch unser Mitgefühl mit den Angehörigen zum Ausdruck gebracht, die durch das Zugunglück so völlig unerwartet nahe Menschen verloren haben. Viele haben schreckliche Tage der Ungewißheit hinter sich, die sich in genauso schreckliche Gewißheit verwandelt hat. Ich bin sicher, für die Angehörigen ist es ein starker Trost, daß sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind, sondern daß das ganze Land in dieser Trauer mit ihnen vereint ist.

Heute denken wir auch an die, die noch immer mit schweren Verletzungen in den Kliniken liegen. Für manche von ihnen ist das Leiden noch lange nicht zu Ende. Zu den körperlichen, teilweise sehr schweren Verletzungen kommen die seelischen Qualen des Erlebten hinzu. Ich weiß, daß auch sie alle hier diese Gedanken mit mir teilen.
Jetzt und in diesem Moment geht es mir vor allem um eines: Ich bin nach der zentralen Trauerfeier zu Ihnen nach Eschede gekommen, um Ihnen hier, am Ort des Geschehens, meinen Respekt und meinen Dank auszudrücken. Das ist nicht nur mein persönlicher Dank, sondern ich spreche im Namen unseres ganzen Landes.

Gewiß: Eschede ist als Ort eines furchtbaren Unglücksfalles weltweit bekannt geworden. Aber sein Name steht nicht nur für Schrecken und Tod; er trägt keinen Makel. Vielmehr steht er für gelebte Mitmenschlichkeit und spontane Solidarität.

In den Stunden und Tagen nach dem Unglücksfall sind viele Menschen aus diesem Ort und aus der ganzen Region über sich hinausgewachsen. Hier hat jeder nach seinen Kräften und seinen Möglichkeiten angepackt. Hunderte waren unmittelbar als Helfer im Einsatz - bei der Polizei, bei den Feuerwehren, beim THW oder den Sanitätern. Viele haben auch dadurch geholfen, daß sie ihrerseits den Helfern beistanden. Neben der tatkräftigen praktischen Unterstützung war es vor allem der seelische Beistand, das Trösten angesichts der furchtbaren Erlebnisse und Bilder, die sich den Helfern einprägten. Manchmal war einfaches Da-Sein schon das Wichtigste, was man tun konnte. Keiner dieser Helfer wird diese Tage des Einsatzes jemals in seinem Leben vergessen können. Und viele werden noch lange unter dem Erlebten leiden und weiteren Beistand brauchen.

Das Zusammenstehen nach dem Unglück hat gezeigt, daß Mitmenschlichkeit in Deutschland keine verlorene Tugend ist. Daß Bürgerinnen und Bürger mit großer Selbstverständlichkeit alles tun, was sie für andere tun können, wenn diese Hilfe nötig ist. Ich möchte Ihnen sagen, daß mich dieses Erlebnis der Solidarität gerade nach den dunklen Stunden der Katastrophe hoffnungsvoll stimmt. Es ist nicht wahr, daß unser Land nur aus Egoisten besteht. Eschede ist der Beweis des Gegenteils. Ihr Ort ist dadurch zum Vorbild für unser ganzes Land geworden.

Ich danke Ihnen allen für das Mitgefühl, das Sie den Opfern des Unglücks und den Angehörigen entgegengebracht haben. Ich danke für die vielen Beweise selbstloser Hilfe. Und ich danke Ihnen dafür, daß Sie auch heute durch Ihr Kommen ein Zeichen der Mitmenschlichkeit setzen.