Randlage Eschede

Wolf Biermann und George Tabori
Wolf Biermann gibt im Biergarten des „Deutschen Hauses“ ein spontanes Privatkonzert zum Geburtstag von George Tabori, 1992

Mit Eschedes jüngerer Geschichte verbinden sich nicht nur Katastrophen wie der große Heidebrand von 1975 und das ICE-Unglück vom 3. Juni 1998. Zu einem ungeahnten kulturellen Höhenflug setzte der Heideort seit Mitte der 1980er Jahre an. Das Markenzeichen „RANDLAGE ESCHEDE“ elektrisierte bis 2009 eine ganze Region und strahlte bis in die Metropolen aus.

RANDLAGE ESCHEDE war eine Kulturinitiative in der Südheide. Sie wurde im Februar 1985 auf Initiative von Barbara und Wend Kässens gegründet. Mitgliedschaft war einzig definiert durch Mitarbeit an der gemeinsamen Sache, der kulturellen Belebung des Raumes zwischen Celle und Uelzen. Den Vorstand bildeten der langjährige Leiter der NDR-Literaturredaktion Wend Kässens, der geschäftsführende Vorstand der Arno Schmidt Stiftung in Bargfeld, Bernd Rauschenbach, und Jürgen Beeken, Rektor der Escheder Hauptschule.

Das Anliegen der RANDLAGE ESCHEDE war es, in Eschede und im Celler Raum Kulturveranstaltungen auf hohem inhaltlichen und ästhetischen Niveau durchzuführen, der Region damit ein Kulturangebot zu machen, das großstädtischen Ansprüchen genügen soltel. Dabei war man sich der Problematik bewusst, die sich aus der Konfrontation dörflicher Strukturen mit avancierter Kunst und Kultur ergibt. Gerade dieses Spannungsverhältnis hat sich als produktiv erwiesen - zahlreiche Künstler, die in Eschede aufgetreten sind, bestätigten eine Atmosphäre gesteigerter Aufmerksamkeit und Konzentration. Die große Zahl der Besucher, die dafür sorgte, dass sich das monatlich laufende Programm zu großen Teilen selber finanzierte, zeugte davon, dass dieser ungewöhnliche Weg für Künstler und Besucher neue Perspektiven eröffnete.

Über 200 Veranstaltungen hat RANDLAGE ESCHEDE seit Gründung durchgeführt, Dichterlesungen, Theateraufführungen, Kammermusik, Orchester-, Jazz- und Rockkonzerte, Chansonabende, Vorträge und Kunstausstellungen. Die Liste der Künstler, die in Eschede ihr Publikum fanden, reicht von H. C. Artmann bis zu Martin Walser, von der Bremer Shakespeare Company bis zum Wiener Burgtheater, von Mauricio Kagel bis zu Kenny Wheeler, vom Ensemble Köln bis zu Edgar Krapp.

In den Jahren 1986, 1989, 1992 und 2000 veranstaltete die RANDLAGE ESCHEDE so genannte "Heide(n)spektakel", viertägige Festivals für alle Künste. In den Jahren 1996, 1998, 1999, 2004 und 2007 waren es dreitägige Kulturfeste unter dem Label "hören&sehen". Höhepunkte wurden Uraufführungen von John Cage, Mauricio Kagel und Josef Tal, die Uraufführung von Arno Schmidts „Der Vogelhändler von Imst“ durchs Bremer Schauspiel, Gastspiele des Wiener Schauspielhauses und des Wiener Burgtheaters mit Tabori-Inszenierungen, Konzerte von Michel Portal, Herbert Henck und Mike Westbrook.

Dem Erzähler, Dramatiker und Regisseur George Tabori war das vierte „Heide(n)spekakel“ im Jahr 2000 gewidmet, für sein kulturelles Engagement in Eschede wurde er in einer Feierstunde zum Ehrenbürger des Ortes ernannt. Rundfunk, Fernsehen und die überregionale Presse berichteten über die Festivals im Dorf. Seit 1989 wurde die Randlage Eschede vom "Freundeskreis Randlage Eschede" ideell und finanziell unterstützt. Geschäftsleute aus Celle und Umgebung ermöglichten mit ihren Zuwendungen die Verwirklichung des laufenden Programms.

RANDLAGE hat Geschichte geschrieben mit Jahrhundert-Ereignissen in kurzer Taktfolge. Die unglaubliche kreative Leistung des kleinen Veranstalterteams bleibt unvergessen. Es zog sich nach dreißig Jahren erschöpft zurück. Bisher konnte das entstandene Vakuum nicht wieder gefüllt werden und gänzlich veränderten Rahmenbedingungen.